Ulrike von Kleist, Illustration: Eva Feuchter
Illustration: Eva Feuchter

Ulrike
von Kleist

Reisende und Schulleiterin, 1774 – 1849

FrauenOrt in Frankfurt/Oder

Unangepasst und mutig. Ulrike von Kleist setzte sich über Konventionen hinweg, reiste und lernte in Männerkleidern und gründete schließlich ein Mädcheninternat. Ihrem jüngeren Bruder Heinrich von Kleist war sie eine wichtige Vertraute und Unterstützerin.

Reisende

Ulrike von Kleist setzte sich über die Geschlechter­­rollen ihrer Zeit hinweg und wusste früh, dass Ehe und Familienleben für sie nicht das Richtige waren. Stattdessen wollte sie reisen. Nicht ganz einfach, denn allein reisende Frauen erhielten keine Papiere für die Grenz­übergänge.

Ulrike von Kleist reiste bei Bedarf in Männerkleidern, mit denen sie auch Vorlesungen an der Universität besuchte. Häufig begleitete sie ihren Bruder – nach Paris, in die Schweiz, nach Königsberg (heute Kaliningrad), Leipzig und Dresden. Aber sie scheute sich auch nicht, sich allein auf den Weg zu machen. Hier berichtete sie vom letzten Stück ihrer Reise zu dem erkrankten Bruder in Bern:

„und [ich] höre daß das Corps des General Erlach eben auf den Weg nach Bern ist, daß Bern geschlossen, und Niemand aus und ein darf. – Ich denke aber, du kehrst dich an nichts, und gehst so lange als es nur möglich ist (…) Ich setzte mich ein, und fahre die ganze Straße bis Bern zwischen bewaffneten Truppen (…). Wie ich an die Thore von Bern komme, sind sie eben geöffnet um Zufuhr hineinzulassen, ich fahre mit ein (…)“

Ulrike von Kleist (1)

Schwester und Unterstützerin

Ulrike von Kleist hatte viele Geschwister – darunter auch den dreieinhalb Jahre jüngeren Heinrich von Kleist. Ihm war sie große Schwester, lebenslange Vertraute und Unterstützerin.

Mit 14 war Heinrich zum Militär, mit 15 in den ersten Krieg geschickt worden. Als er sich später entschied, die Militärkarriere abzubrechen, hielt sie als Einzige zu ihm. Als ihm immer wieder das Geld ausging, bekam er es von ihr. Die zahlreichen Briefe von Heinrich an seine Schwester sind angefüllt mit Liebes- und Sehnsuchtsbekundungen, mit philosophischen Überlegungen, mit Rechtfertigungen, Ermahnungen und eben mit Bitten um Geld.

Heinrich von Kleist bezeichnete seine Schwester mehrmals als zwischen den Geschlechtern stehend und versuchte anfangs noch, sie zu Ehe und Mutterschaft zu „bekehren“ – bevor er auch für sich etwas anderes zu denken wagte.

Seine Kunst schätzte Ulrike zwar nicht so sehr, aber praktisch konnte er sich immer auf sie verlassen. Als er erkrankte, fuhr sie zu ihm. Als er in französische Gefangenschaft geriet, sorgte sie dafür, dass er freikam. Eine Zeit lang führten sie sogar einen gemeinsamen Haushalt in Königsberg.

1811 nahm sich ihr Bruder das Leben – da war Ulrike von Kleist 37 Jahre alt.

Schulleiterin

Ulrike von Kleist wurde Pädagogin – einer der wenigen denkbaren Lebensentwürfe für ehelose Frauen. Mit dem Erbe ihrer verstorbenen Mutter kaufte sie 1819 das Familienhaus in Frankfurt (Oder). Durch den Besitz des Hauses wurde sie Bürgerin von Frankfurt, erhielt als Frau allerdings kein Wahlrecht für die Stadtverordneten­versammlung.

Sie gründete ein Pensionat für höhere Töchter. Das war eine weiterführende Schule mit Internat für Mädchen aus wohlhabenden Familien. Eine Schule, ein Ort der Frauenbildung und zugleich ein Unternehmen, das sie etwa 20 Jahre lang erfolgreich leitete.


FrauenOrt Ulrike von Kleist in Frankfurt/Oder

Kleistmuseum, Faberstraße 6-7, 15230 Frankfurt/Oder

52.34392°N, 14.55727°E / Google Maps / Open Streetmap

Weiterführende Links, Literatur & Podcast

Podcast „Wege unsichtbarer Heldinnen“ der Uni Potsdam

Heinrich von Kleist: Halbschwester Philippine Ulrike Amalie

Downloads

FrauenOrte Tafel von Ulrike von Kleist (PDF)


Fußnoten & Quellenangaben

  1. Mitschrift: Was Ulrike von Kleist 1828 in Schorin erzählte. In: Paul Hoffmann, Ulrike von Kleist über ihren Bruder Heinrich, in: Euphorion 10 (1903), S. 108 f.

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