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Annemirl Bauer

1939-1989 | Malerin und DDR-Regimekritikerin

 

FrauenOrt Annemirl Bauer: Dorfstraße 10, 14822 Mühlenfließ OT Niederwerbig

 

Annemirl Bauer wird am 10. April 1939 als Tochter der Thüringer Malerin Tina Bauer-Pezellen geboren. Zunächst studiert sie in Sonneberg Keramik und Spielzeuggestaltung, danach absolviert sie ihr Diplom für baugebundene Kunst, Malerei und Grafik an der Berliner Kunsthochschule Weißensee. Sie arbeitet in Berlin-Prenzlauer Berg, wo leuchtende Porträts von Frauen und Kindern entstehen. Anfang der 70er malt sie das Bildnis „Madonna vom Prenzlauer Berg“, eine blasse Mutter mit ungeborenem Kind im Schoß, umgeben von verwahrloster Großstadt. Auf dem geschwungenen Spiegelrahmen jedoch erblüht ein grünes Paradies mit der Tor-Inschrift: „Amrei und Annemirl“. Der Wunsch vom Leben in der Natur wird zehn Jahre später in Niederwerbig Wirklichkeit.

 

Reiserecht als Menschenrecht

 

1984 verfasst sie eine öffentlich gemachte Eingabe, worin sie die Berliner Mauer als überflüssig bezeichnet und einen Fünfjahresplan zur schrittweisen Maueröffnung vorlegt. Sie prophezeit: „…würde man die Mauer schlagartig beseitigen, würden wie bei Öffnung eines Korsetts alle Muskeln und Bänder in sich zusammenfallen“. Sie fordert Reiserecht als ein Menschenrecht ein. Zum Widerruf ihrer Forderung „der ungehinderten Ausreise mit Wiederkehr für alle DDR-Bürger“ ist sie auch unter Zwang nicht bereit. Die Folge ist ein Disziplinarverfahren und schließlich Berufsverbot. Vergeblich versucht die Staatssicherheit mit „Zersetzungsmaßnahmen“ ihre „gesellschaftliche Disziplinierung“ zu erzwingen.

 

Leben und Arbeiten in Niederwerbig

 

In Niederwerbig hofft sie, der zunehmenden politischen Spannung und der Kontrolle durch das DDR-System zu entfliehen und wieder zu Ruhe, Gesundheit und ungestörter Malerei zu kommen. Die Arbeiten hier sind geprägt von Natur, Land und Leuten des niederen Flämings, aber auch von Schwierigkeiten des hiesigen Alltags. In unzähligen Zeichnungen, Collagen und Bildern setzt sie sich mit der politischen DDR-Wirklichkeit auseinander u.a. mit einer den letzten Toten an der Mauer gewidmeten Zeichnungsserie: „Tod für Landesverrat – Orden für Brudermord“ oder „Weibliche Wehrpflichtige bei erfolgreicher Bekämpfung ihres Sohnes dem Friedensdemonstranten“. Diese Zeichnungen kritisieren den stillschweigenden Beschluss des Wehrpflichtgesetzes für Frauen in der DDR.

 

In Zeiten der Gesichtslosigkeit ein Gesicht zu wahren

 

Annemirl Bauer ist eine mutige, eigenwillige Frau. Sie ist Künstlerin aus innerstem Antrieb. Sie malt und zeichnet auf Amtsformulare, Türen, Teppiche, Fenster, auf alles, was verfügbar ist. In Zeiten der Gesichtslosigkeit ein Gesicht zu wahren, so ließe sich ihr künstlerisches Anliegen umschreiben. Annemirl Bauer setzt der Doktrin des kollektivistischen „Wir“ ein aufrechtes und entlarvendes „Ich“ entgegen. Ihr umfangreiches Lebenswerk ist von ungewöhnlicher Authentizität, Widerständigkeit und Zivilcourage geprägt und ergänzt den innerdeutschen Dialog um Kunst in der DDR durch Aspekte der weiblichen Sichtweise. Sie stirbt am 23. August 1989 im Alter von 50 Jahren. 2010 wird die Malerin durch die Benennung des Annemirl-Bauer-Platzes in Berlin-Friedrichshain geehrt.