
Renate
Krößner
Schauspielerin, 1945 – 2020
Eigenständig denken, leidenschaftlich schauspielern, Widersprüche ausloten. Renate Krößner spielte unabhängig denkende Charaktere in Theatern und Filmen. Als „Sunny“ wurde sie zur Identifikationsfigur für Frauen in Ost und West.
Renate Krößner
Renate Krößner wurde am 17. Mai 1945 geboren und wuchs im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg auf. Die Familie war kulturell interessiert. Ihr Vater arbeitete als Lehrer, die Mutter als Hausfrau.
Sie studierte an der renommierten Berliner Schauspielschule Ernst Busch, erhielt während des Studiums eine erste Filmrolle. Mit ihrem Studienfreund Hermann Beyer bekam sie 1968 ihren Sohn Eugen Krößner, ihre Eltern unterstützten sie als fürsorgliche Großeltern. Ihren Lebenspartner Bernd Stegemann lernte Renate Krößner Anfang der 1970er Jahre am Theater in Brandenburg an der Havel kennen.
Schauspielerin mit Leidenschaft für Widersprüche
Mit dem Schauspieldiplom ging Renate Krößner 1966 ans Theater Parchim. Auf Bühnen in Stendal, Senftenberg oder Brandenburg an der Havel erarbeitete sie sich einen Ruf als ausdrucksstarke, vielschichtige Schauspielerin. Ihr tiefes Interesse an Menschen ermöglichte ihr, die Schichten und Widersprüche einer Figur auszuloten. Damit eckte sie an im Theaterbetrieb der DDR, in dem auf klare Rollenzuteilungen gesetzt wurde: Die Guten sollen gut sein, die Bösen böse.
Umso mehr schätzte sie den Regisseur Herbert König für seine genauen Ausarbeitungen von Rollen und Szenen. König nannte die Dinge beim Namen, galt der DDR-Staatsführung daher als zu kritisch und konterrevolutionär. Der Staat versetzte ihn an entlegene Theater in Anklam und Greifswald, hinderte sogar das Publikum daran, Vorstellungen zu besuchen. Renate Krößner arbeitete dennoch mit König, auch wenn sie sich damit selbst in Misskredit brachte. 1983 bürgerte die DDR König aus.
Zudem spielte Renate Krößner in DDR-Fernsehproduktionen und bekam Rollen in Filmen wie „Eine Pyramide für mich“ (1975) und „Feuer unter Deck“ (1977). Gegen beide Filme schritt die SED-Zensur ein, vertonte „Eine Pyramide für mich“ nachträglich neu und brachte „Feuer unter Deck“ mit jahrelanger Verspätung heraus, nachdem Hauptdarsteller Manfred Krug ausgereist war. Der große Erfolg als Filmschauspielerin blieb daher zunächst aus.
Aber sie fiel dem einflussreichen Regisseur Konrad Wolf auf, der Renate Krößner die Hauptrolle in seinem Film SOLO SUNNY anbot.
SOLO SUNNY und der Silberne Bär
„Ich habe bestimmte Punkte in dieser Rolle einfach bekräftigt, persönlich, privat – dass man eben nicht irgendeiner Masse hinterherlaufen, sondern seinen eigenen Weg gehen soll.“
Renate Krößner (1)
Die Rolle der Ingrid Sommer füllte Renate Krößner mit ihrer unabhängigen Persönlichkeit aus. Ausdrucksstark verkörperte sie die Figur von Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, die als unangepasste Sängerin ihren Weg ins Leben suchte. „Sunny“ wurde zur Identifikationsfigur einer Generation von Frauen in der DDR – und machte Renate Krößner berühmt. Auch Publikum und Jury auf der Berlinale in West-Berlin waren begeistert. SOLO SUNNY war 1980 der Publikumshit, Renate Krößner wurde als erste DDR-Schauspielerin mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Zur Preisverleihung nach West-Berlin kam sie nur, weil Konrad Wolf sie unter dem Schutz seines Diplomatenpasses in der Tschaika über die Grenze brachte. Partner und Sohn konnten die Verleihung nur im West-Fernsehen verfolgen.
Zugleich wollte die DDR ihren Erfolg für sich vereinnahmen: Noch auf der Galafeier nahmen Herren in grauen „Präsent 20“-Anzügen der DDR Krößner den Silbernen Bären ab – nur um ihr die Auszeichnung Wochen später auf einer kleinen Feier in Ost-Berlin ein zweites Mal zu überreichen. Zudem sollte sie ein Interview geben und darin ihren Erfolg auf die DDR zurückzuführen. Doch Renate Krößner weigerte sich. Der Staat setzte sie daraufhin unter Druck: Die Stasi hatte stets ein Auto vor ihrer Tür, öffnete ihre Post, durchsuchte ihre Wohnung in ihrer Abwesenheit und streute Gerüchte, sie habe einen Ausreiseantrag gestellt. Das kam einem Berufsverbot in der DDR gleich, denn Filme von ausgereisten Schauspieler*innen wurden nicht gezeigt.
Der Westen war kein Sehnsuchtsort
„Nach der Berlinale hatte ich nicht die Absicht, mit der Auszeichnung im Rücken rüberzugehen. Ich wollte im Osten bleiben, aber drehen wollte ich, nicht herumsitzen. Mit Fragen, mit ein bisschen Nähe zur Realität, wollte ich zusammen mit anderen Menschen für den Osten Theater und Film machen.“
Renate Krößner (2)
Renate Krößer träumte nicht von einem Leben im Westen. Sie mochte ihr Leben in der DDR, auch wenn sie mit dem Regime nicht einverstanden war. Doch zermürbt von staatlicher Zersetzung und nach Jahren fast ohne Schauspielaufträge, stellte sie mit ihrem Partner einen Ausreiseantrag. Zwei Jahre lebten sie auf gepackten Koffern, stellten wieder und wieder Ausreiseanträge, die stets abgelehnt wurden. Als schließlich ein Telegramm aus der Behörde kam, hatten sie nur eine Woche, um sich von Freund*innen und Familie zu verabschieden. 1985 reiste Renate Krößner mit ihrem Sohn und ihrem Partner aus.
Eine neue Karriere im Westen
Renate Krößner spielte im Westen wieder Theater, ging zunächst nach Basel, wo Herbert König inszenierte. Dann kamen Engagements in München und West-Berlin. Sie baute sich ihre westdeutsche Karriere neu auf, schaffte den Einstieg ins westdeutsche Filmgeschäft, nachdem sie die DDR-Gerüchte entkräften konnte, nach dem Silbernen Bären sei sie unzuverlässig geworden. Renate Krößner spielte in Film- und Fernsehproduktionen, im Tatort, der Lindenstraße und später auch im Polizeiruf. Oft stand sie gemeinsam mit ihrem Partner vor der Kamera. Nach der Wende zogen die beiden 1995 nach Mahlow in Brandenburg. Filme über die Mauer lehnte Renate Krößner ab.
FrauenOrt Renate Krößner in Mahlow
Bahnhofsvorplatz des S-Bahnhof Mahlow, Am Bahnhof 4-2, 15831 Blankenfelde-Mahlow, Wohnort von Renate Krößner
52°21’37.3″N 13°24’32.7″E / Google Maps / OpenStreetMap
Weiterführende Links
Downloads
FrauenOrte Tafel von Renate Krößner (PDF)
Fußnoten & Quellenangaben
- Renate Krößner im Interview mit dem westdeutschen Fernsehen 1980.
- Renate Krößner im Interview mit der Berliner Zeitung 2020.


