
Bilillee
Machbuba
ca. 1825-1840
FrauenOrt in Cottbus Film & Hörspaziergang
geboren, genannt, geliebt. gelernt, gelacht und gesungen. geschrien, gefangen, genommen. geweint, gewimmert, gezwungen. gestellt. geschämt. gekauft.
Bilillee wurde als Kind versklavt. Sie starb 1840 in Muskau, 15 oder 16 Jahre alt.Bilillee Machbuba
Sie war Oromo, Tochter und Schwester. Schülerin, Freundin und Heilerin. Verschleppte, Versklavte, Vorgeführte. Ahnin und Vorfahrin. Gewalt- und Suizidüberlebende.
Geboren ungefähr 1825 in Abessinien, im heutigen Äthiopien. Etwa 1836 wurden ihre Eltern ermordet. Bilillee wurde gefangen genommen, versklavt und verschleppt. Hunderte Kilometer Richtung Norden. Verkauft im Februar 1837, auf einem Sklavenmarkt in Kairo oder Khartum.
Herrmann von Pückler-Muskau war 52 Jahre alt, hatte seinen Sitz in Muskau und Branitz und war zu diesem Zeitpunkt auf einer mehrjährigen Reise. Er kaufte mehrere Kinder, darunter Bilillee. Schlief mit ihnen in einem Raum, sprach in einem Brief an Lucie von Hardenberg von seinem „kleinen Harem“. (1) Bilillee erhielt in diesen Briefen besonders viel Aufmerksamkeit. Er nannte sie Machbuba, arab. „Geliebte“ und nahm sie mit auf eine dreijährige Reise, von Ägypten über Österreich bis nach Muskau. Für europäische Adlige dieser Zeit waren Schwarze Bedienstete ein Statussymbol. Oft, wie Bilillee, sexuell ausgebeutet.
Was wissen wir heute von Bilillee?
Vieles wissen wir nicht. Woher kam sie genau? Wer war ihre Familie? Wie überlebte sie die Verschleppung, wie lange war sie durch die Wüste unterwegs? Was erlebte sie in Wien, als sie für einige Zeit ein katholisches Mädcheninternat besuchte? Hatte sie Freundinnen?
Wie erlebte sie es, den Adligen vorgeführt zu werden, in exotisierender Kleidung, als Reiterin, als Reisesouvenir? War sie angewidert oder stolz, konnte sie sich selbst überhaupt noch spüren? Wovon träumte sie, was vermisste sie am meisten? Woher nahm sie das Selbstbewusstsein, mit dem sie Pückler manchmal entgegentrat?
Lernende, Reisende, Heilerin
Gelauscht und gelernt. Bilillee. Sie hörte gut zu als Kind, lernte, bewahrte, erinnerte sich. Noch in den Wochen vor ihrem Tod trug sie dem sorbischen Pfarrer Georg Liebusch Oromo-Lieder aus ihrer Kindheit vor. Die Texte gingen verloren, von 120 Liedern war die Rede, die heute ein wertvolles äthiopisches Kulturerbe wären.
Drei Jahre nahm Pückler sie mit, entlang des Nils und durch Österreich. Sie lernte Italienisch, Schreiben und Rechnen. Als Pückler erkrankte, übernahm sie seine Buchhaltung und pflegte ihn. Sie erinnerte sich an die Heilkunst ihrer Vorfahren, es hieß, er habe ihr sein Leben zu verdanken. Half sie aus Angst? Aus Mitgefühl? Aus Zuneigung? Hatte sie eine Wahl?
gesprungen. geblieben. gegangen.
Aus dem Fenster gesprungen. Zweimal. Entschlossen, sich das Leben zu nehmen. Misslungen. Oder gerettet? Der zweite Versuch in Muskau. 1840 kam sie dort an, sehr krank, sehr geschwächt. Blieb sechs Wochen und starb. Zwei Dienerinnen und ein Arzt waren noch da. Pückler weilte in Berlin. Kam nicht.
Dafür, so heißt es, sei die halbe Stadt ihrem Begräbnis gefolgt. Ihre Geschichte muss bekannt gewesen sein. Etwas berührt haben. Vielleicht ein Gefühl der Verbundenheit. Die Bevölkerung war überwiegend sorbisch. Auch ihre Freiheit reichte nicht weit in der Zeit.
Wer schreibt? Wer forscht? Was wird überliefert?
Bilillee war eine von vielen Schwarzen Menschen, die im 17. und 18. Jahrhundert versklavt und an europäischen Höfen ausgebeutet wurden. Wie wird ihre Geschichte heute erzählt? Pückler lebte zum Teil von seinen Reiseberichten. Er war der Erste, der über sie schrieb – und damit auch über sich selbst. Jedoch nicht als Sklavenhalter, nicht als sexuell Ausbeutender, stattdessen schuf er das Narrativ einer Liebesgeschichte.
Diese Geschichte verkaufte sich gut, wurde lange vermarktet, verteidigt und konsumiert. In Büchern, Artikeln und Vorträgen, die sie Machbuba nennen, die sie und Pückler als Liebespaar erzählen. Bilillee als Pücklers Geliebte? Ein Mädchen, das er als seine „Maitresse“ (2) gekauft hatte, als sie 10, 11 oder vielleicht 12 Jahre alt war? Dieses Narrativ wird heute korrigiert. Und erinnert an die wichtige Frage: Wer entscheidet, welche Geschichte erzählt wird?
Bilillee. Gestorben 1840 in Muskau. Wie wollen wir heute an sie erinnern?
Hörspaziergang
Hörspaziergang auf den Spuren von Bilillee
Audiodatei einfach streamen oder hier runterladen.
Startpunkt

FrauenOrt Bilillee Machbuba, Konrad-Wachsmann-Allee 6-8, 03046 Cottbus
GPS: 51°46’02.6″N 14°19’20.8″E
Bist du an der FrauenOrte-Tafel in Cottbus? Dann siehst du hinter der Tafel auf der Rasenfläche eine wunderschöne Baumbank für Bilillee, die Studierende gestaltet haben. Dort kannst du dich in Ruhe hinsetzen. Oder du spazierst über den Campus.
Starte die Audiodatei und lausche der Geschichte.
Du kannst die Geschichte von Bilillee überall hören. Auch in Park- und Schlossanlagen.
Das Skript zum Hörspaziergang findest du unter diesem Link.
Und nun ein gutes Eintauchen in Bilillees Leben mit Abnet Mengesha (Interview) und den Stimmen von Joey Steffens (Gedicht) und Dela Dabulamanzi (Erzählerin).
Das Gedicht ist aus dem Buch „gelebt – Das kurze Leben der Bilillee Ajiamé Machbuba“ von Patricia Vester.
Eine Produktion von studio lärm, 2026.
Gefördert mit Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg.

Film: Erinnern an Bilillee
Am 9. Juli 2025 haben wir den 50. FrauenOrt für Bilillee Machbuba an der BTU Cottbus-Senftenberg eingeweiht.
Aus diesem Anlass sprachen wir mit spannenden Gästen über Bilillees Bedeutung für heutige Cottbuser:innen, ihre Rezeption und die Notwendigkeit Schwarzer Erinnerungskultur.
Mit Beiträgen von:
Prof. Dr. Gesine Grande, Präsidentin der BTU Cottbus-Senftenberg
Dr. Gabriela Willbold, Initiatorin Schwarzer Erinnerungskultur zu Bilillee
Patricia Vester, Gastdozentin im Modul BTU4Future und dekoloniale Museumsberaterin
Dr. Adeline Abimnwi Awemo, Vorsitzende des Deutsch-Afrikanischen Vereins Cottbus, Mitglied im Kreisverband der CDU Cottbus
Mohamed Elhag, Studiengangsadministrator „Environmental and Resource Management“
Aline Erdmann, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Cottbus
Prof. Dr. Melanie Jaeger-Erben, Professorin am Fachbereich Technik- und Umweltsoziologie der BTU
Dr. Stefan Körner, Vorstand der Stiftung Fürst-Pückler-Museum
Robert Büschel, Leiter der Städtischen Sammlungen Cottbus
Abnet Mengesha Bekele, Studierende des Moduls BTU4Future
Rakshita Bhatt, Studierende des Moduls BTU4Future
Elio Gäbelein, Projektleitung der FrauenOrte im Land Brandenburg
Luisa Stuhr, Wissenschaftliche Mitarbeiterin der BTU und Moderation
Produktion: Ralf Schuster und Thomas Rößler, Multimediazentrum/IKZM
FrauenOrt Bilillee Machbuba in Cottbus
Campus der BTU Cottbus-Senftenberg
Konrad-Wachsmann-Allee 6-8, 03046 Cottbus
51°46’02.6″N 14°19’20.8″E / Google Maps / OpenStreetMap
Weiterführende Links & Literatur
Jeff Bowersox: Machbuba (ca. 1825-1840), in: Black Central Europe
Downloads
FrauenOrte-Tafel von Bilillee Machbuba (PDF)
Fußnoten & Quellenangaben
- Ludmilla Assing-Grimelli: Fürst Hermann von Pückler-Muskau. Eine Biographie. Hildesheim 2004, S. 118.
- Ebd., S. 118 f.


